IV.
EINE ANALYSE DER SCIENTOLOGY KIRCHE ALS
GEMEINSCHAFT MIT ANDACHTSPRAKTIKEN

Andachtspraktiken sind innewohnende Bestandteile einer jeden Religion, wenn sie auch von Religion zu Religion unterschiedlich sind. Das unlösbare Band zwischen Religion und Andacht wird in der Bedeutung des Begriffs „Andacht“ im Allgemeinverständnis als bewundernde Hingabe und Hinwendung offenbar. Solche eindeutigen Haltungen und Handlungen sind bei der funktionellen Definition von Religion als „Zustand höchsten Interesses“ oder „Mittel zur endgültigen Transformation“ eindeutig impliziert. Andachtspraktiken richten sich auf intensive Interessen. Die andächtigen Haltungen und Handlungen sind noch offensichtlicher bei der Definition von Religion im Wesentlichen als „Ausrichtung auf die transzendente Grundlage persönlicher und gesellschaftlicher Existenz“. Andacht richtet sich auf übermenschliche Mächte. Bei jedem Versuch, Religion zu definieren, beginnen und enden doch alle Religionen mit Andachtspraktiken.

Die Bandbreite der in der Begriffsdefinition enthaltenen Einstellungen und Handlungen umfasst die gesamte aktive Seite der Religion. Im weitesten Sinne beinhalten Andachtspraktiken alle Riten, Rituale, Zeremonien, Bräuche, Feiern oder Gottesdienste, die in einem geheiligten Zusammenhang und für einen geheiligten Zweck geschehen. In diesem Licht betrachtet können Andachtspraktiken die gesamte Bandbreite – angefangen von öffentlichen Feiern bis hin zur privaten Besinnlichkeit – umspannen, von feierlichen Zeremonien bis zu gewohnheitsmäßigen Routinen. Der Begriff „Andacht“ ist aber normalerweise für die beabsichtigte Kultivierung eines fortdauernden religiösen Glaubens, religiöser Werte und Gefühle durch einen disziplinierten Ablauf von Handlungen reserviert. Solchermaßen bezieht sie die gesamte Person in eine durch eine bestimmte religiöse Tradition vorgeschriebene, feste Form von Gottesdiensten ein. Die religiösen Traditionen weichen natürlich bezüglich ihrer Gegenstände, Formen und Anlässe für Andachtspraktiken voneinander ab, je nach ihrem spezifischen Verständnis der göttlichen und menschlichen Wirklichkeit.

IV.I. Der Gegenstand der Andacht in Scientology

In der langen Geschichte der Religionen umfassten die Gegenstände der Andacht alles von übernatürlichen Wesen bis hin zu besonderen Plätzen in der Natur, von unsichtbaren Kräften bis zu heroischen Individuen, von abstrakten Prinzipien bis zu konkreten Symbolen. Wie der Historiker Arnold Toynbee aber gezeigt hat, kann diese anscheinende Vielfalt auf drei Objekte oder Ziele zusammengefasst werden – die Natur, die Menschheit und eine absolute Wirklichkeit, die weder Natur noch Menschheit ist, ihnen aber innewohnt und gleichzeitig über sie erhaben ist.

Die meisten Wissenschaftler der Religionsgeschichte sind sich einig, dass die frühesten Formen der Religion ihre Wurzeln in der Anbetung natürlicher Phänomene oder in parochialen Gemeinschaften hatten. Die Polytheismen der alten Welt waren Feierlichkeiten zu Ehren der Mächte und Möglichkeiten der natürlichen Umgebung oder der menschlichen Welt. Diese Formen der Andacht sind natürlich nicht vom Gesicht der Erde verschwunden. Aber die großen „Weltreligionen“ konzentrieren sich alle auf die Anbetung einer absoluten Wirklichkeit, die sowohl die Natur als auch die Geschichte transzendiert.

Diese absolute Wirklichkeit wird von den verschiedenen Religionen sehr unterschiedlich wahrgenommen. Allgemein ausgedrückt verstehen die westlichen Religionen des Judentums, Christentums und des Islams diese absolute Wirklichkeit als etwas Personifiziertes. Diese Traditionen beten eine personifizierte Wirklichkeit an, die man im Rahmen einer persönlichen Beziehung kennenlernen oder erfahren kann und der man im Rahmen dieser Beziehung dienen kann. Andachtspraktiken dieser theistischen Religionen zielen letztlich auf eine Kommunikation mit diesem persönlichen Wesen ab. Im Gegensatz dazu sehen die östlichen Religionen des Hinduismus, Buddhismus und des Taoismus – wiederum allgemein ausgedrückt – diese absolute Wirklichkeit oder Wahrheit als unpersönlich an. Diese Traditionen verehren ein vereinigendes Wahres, das auf eine geistig-innerliche Weise verstanden und erfahren werden kann. Die Andachten dieser monistischen Religionen haben eine Vereinigung mit diesem nicht personifizierten Wesen zum Ziel.

Scientology gehört eindeutig zu jenen Religionen, deren Andachtspraktiken einer absoluten Wirklichkeit oder Wahrheit dienen, die die natürliche Ordnung und die menschliche Existenz transzendiert, wobei sie beide umfasst und vollzieht. Wie oben angeführt, ist das ultimative Ziel des religiösen Lebens der Scientology das Überleben „durch ein Höchstes Wesen“ oder „als Unendlichkeit“. Wie wir sehen werden, sind Auditing und Ausbildung die primären Formen der spirituellen Andachtspraxis in der Scientology Kirche. Diese religiösen Handlungen rüsten den Scientologen dafür aus und helfen ihm, zu überleben und über alle acht Dynamiken hinweg zu wachsen. Diese geistigen Übungen helfen dabei, gesunde und glückliche Individuen, Familien und Gruppen zu bilden. Letztendlich aber ermöglicht diese Praxis der Andacht dem einzelnen Scientologen, sich selbst als geistiges Wesen in einem geistigen Universum zu erkennen, das den physischen Körper und die materielle Welt radikal transzendiert.

Als solches hat das Verständnis der absoluten Wirklichkeit in der Scientology Religion mehr mit den mystischen Traditionen der östlichen Religionen gemein als mit ihren theistischen Gegenstücken im Westen. Wenngleich die Scientology Kirche auch resolut die Existenz Gottes bestätigt, so hat sie doch kein Dogma bezüglich der Natur Gottes. Es steht den Scientologen frei, Gott als persönlichen oder unpersönlichen Gott zu symbolisieren, solange sie die Realität Gottes bestätigen. Die Mehrzahl unter ihnen betrachtet Gott jedoch weniger als ein personifiziertes Wesen, das persönliche Hingabe und Gehorsam fordert, sondern eher als eine geistige Kraft, die individuelle Forschung und Entdeckung verlangt. Gott kann von innen heraus und nicht außerhalb entdeckt werden, eher durch persönliche Erfahrung und nicht durch dogmatische Lehren.

IV.II. Die Andachtspraktiken in Scientology

Andachtspraktiken sind von Religion zu Religion verschieden, je nach dem ganz eigenen Verständnis der göttlichen und menschlichen Wirklichkeit innerhalb jeder Religion. Es können aber bestimmte verallgemeinernde Vergleiche zwischen den jeweiligen Formen in westlichen und östlichen religiösen Traditionen angestellt werden. Im Gegensatz zu den religiösen Traditionen des Westens, bei denen sich die Ausübungen der Andacht auf das Gebet und Lob eines persönlichen Gottes beziehen, liegt der Mittelpunkt dieser Disziplinen in den östlichen Religionen in der Meditation und der Identifizierung mit einem unpersönlichen Absoluten. Die erstgenannten Religionen feiern eine Beziehung zwischen dem Einzelnen und dem Höchsten Wesen, letztere stellen eine Verbindung zwischen dem wahren Selbst und der höchsten Wirklichkeit her.

Wenngleich Scientology unverkennbar eine Religion mit eigenen, unverkennbaren Formen der Andacht ist, so haben diese Formen doch mehr mit den geistigen Disziplinen östlicher Religionen gemein als mit den Ausdrucksformen der westlichen Glaubensrichtungen. Wie bei ihren östlichen Gegenstücken sind die Andachtspraktiken in der Scientology Kirche ein höchst disziplinierter und sehr verfeinerter Vorgang der Selbstuntersuchung und Selbstentwicklung. Diese geistigen Übungen zur Erhöhung des Bewusstseins und der Fähigkeiten des Einzelnen sind, vereinfachend gesagt, in die zwei Kategorien Auditing und Ausbildung aufgeteilt, den beiden Seiten der „Brücke zur völligen Freiheit“ der Scientology.

Scientology Auditing, das eine gewisse Ähnlichkeit mit der christlichen Beichte und der buddhistischen Meditation aufweist, ist eine Form der spirituellen Beratung, die es einer Person ermöglicht, ihre Identität als geistiges Wesen zu entdecken, das das Potential unendlichen Überlebens in sich trägt.

Scientology Auditing, das eine gewisse Ähnlichkeit mit der christlichen Beichte und der buddhistischen Meditation aufweist, ist eine Form der spirituellen Beratung, die es einer Person ermöglicht, ihre Identität als geistiges Wesen zu entdecken, das das Potential unendlichen Überlebens in sich trägt. Auditing reicht von sehr einfachen bis hin zu durchdringenden religiösen Erfahrungen, während man die Brücke mehr und mehr hinaufschreitet. Die Scientologen glauben, dass die höchsten Ebenen geistigen Bewusstseins und der Fähigkeit nur durch das Durchschreiten der ansteigenden Ebenen des Auditings erreicht werden können. Die niedrigeren Ebenen des Auditings führen zum geistigen Zustand des „Clear“, bei dem eine Person so weit befreit ist, dass sie ein geistig gesundes und produktives Leben führen kann, während die höheren Ebenen des Auditings, bekannt als die Stufen des „Operating Thetan“, dem Thetan helfen, direkten Einfluss auf Leben, Materie, Energie, Raum und Zeit zu nehmen.

Die Scientology Ausbildung, die dem Bibelstudium und den religiösen Unterweisungen im Judentum und Christentum sowie im Hinduismus und Buddhismus ähnelt, bereichert die durch geistiges Auditing erreichte Freiheit um religiöses Wissen. Der breite Rahmen der Ausbildung in der Scientology Religion ist in eine Vielzahl von Kursen unterteilt, die von Kursen der niedrigen Ebene über grundlegende Prinzipien bis zu Kursen der höheren Ebenen reichen, die das gesamte philosophische und technische Material der Dianetics und Scientology abdecken. In diesem Sinn bietet Ausbildung dasselbe Maß an spiritueller Erkenntnis wie das Auditing. Die Ausübung des Glaubens besteht für Scientologen in der Tat zu gleichen Teilen aus Auditing und Ausbildung in den Prinzipien und der Technologie der Scientology. Ein Mensch kann kein vollständiges spirituelles Bewusstsein erlangen, ohne beide Seiten der Brücke zur völligen Freiheit zu beschreiten.

Während sich die primären Formen der Andacht in allen Religionen auf heilige Objekte beziehen und Ausdruck geistiger Erfahrungen sind, gibt es andere Rituale, die routinemäßig im Zusammenhang und im Geiste der religiösen Praxis durchgeführt werden. Die bedeutendsten dieser Bräuche sind die Riten anlässlich der verschiedenen Lebensstadien, die die wichtigen Momente von Übergang und Wandlung für den Einzelnen und die Gemeinschaft kennzeichnen. Jede Religion feiert die Lebensstadien ihrer Gläubigen und die heilige Geschichte der Tradition auf ihre Art, und die Scientology ist da keine Ausnahme. Die Scientology Kirchen begehen regelmäßig den Ritus der Namensgebung, der Hochzeit und der Bestattung gemäß den Zeremonien der Scientology sowie die Feiertage ihres Glaubens gemäß der heiligen Geschichte ihrer religiösen Überzeugung und des täglichen Lebens.

IV.III. Die Anlässe für Andachtshandlungen in Scientology

In der Geschichte der Religionen finden Andachtshandlungen sowohl aus privaten als auch öffentlichen Anlässen statt. Sie sind nicht auf formelle Zeremonien und gemeinsame Feiern einer versammelten Religionsgemeinschaft beschränkt. Privat finden sie oft zu Hause statt, abhängig von bestimmten Zeiten (zum Beispiel von Mahlzeiten oder dem Aufstehen oder Schlafengehen). Die täglichen Andachten der Christen, die rituellen Segnungen der Juden, die täglichen Gebete der Moslems, die zeremoniellen Sprechgesänge der Hindus und die sitzenden Meditationen der Buddhisten sind alles authentische Ausdrücke von Andachtshandlungen, auch wenn sie im Privatbereich des eigenen Heims oder sogar in der Abgeschiedenheit des eigenen Geistes erfolgen. Andachtspraktiken sind aber auch eine öffentliche Angelegenheit, ob sie nun gemeinsam mit anderen oder nur in Gegenwart anderer ausgeführt werden. Gemeinschaftliche Anbetung ist für die öffentliche Anbetung in den theistischen Religionen des Westens die Norm. Die menschlichen Worte werden Gott in formalisierten Gebeten und Lobeshymnen präsentiert, und im Gegenzug wird den Menschen Gottes Wort durch die Bibel und Kommentare verkündet. Die Form der öffentlichen religiösen Verehrung in den monistischen Religionen des Ostens sieht etwas anders aus. Natürlich gibt es viele üppige Zeremonien und Feste, die gemeinsam gefeiert werden. Aber typischerweise versammeln sich die einzelnen Gläubigen an öffentlichen, heiligen Stätten, wo jeder Betende als Ausdruck persönlicher Hingabe die vorgeschriebenen rituellen Äußerungen tätigt und die vorgeschriebenen Gesten ausführt. Bei beiden Formen öffentlicher Anbetung hängt die Ausführung der Anbetung von einer Gruppe von Experten ab, die Meister der Wege und der Bedeutung des spirituellen Kultus sind.

Ähnlich wie bei anderen Religionen können Andachtshandlungen in der Scientology Kirche zu privaten wie zu öffentlichen Anlässen stattfinden. Auditing kann an jedem ruhigen Ort ohne Ablenkung stattfinden, wie zum Beispiel zu Hause. In solchen Fällen wird das Auditing aber von einem hoch ausgebildeten Fallüberwacher mittels laufend geführter Unterlagen über die Auditing-Sitzungen überwacht. Die große Mehrzahl der Auditing-Sitzungen findet im Bereich der Kirchen statt, wo es speziell eingerichtete Räume für diese Zwecke gibt und die Hilfe von Fallüberwachern und anderen für die Planung und Verwaltung dieser religiösen Dienste zur Verfügung steht. Mit der begrenzten Ausnahme von Heimkursen, die darauf ausgelegt sind, eine Person durch die grundlegenden Bücher der Dianetics und Scientology zu führen, findet jede formelle Ausbildung in den Räumen der Kirche unter der Aufsicht ausgebildeter Kursüberwacher statt. Das Auditing einiger der höheren Ebenen, der „OT“-Stufen, wird als „Solo-Auditing“ durchgeführt. In diesem Fall folgt ein Scientologe genauen Instruktionen und auditiert sich selbst. Er übernimmt sowohl die Rolle des Auditors als auch die der Person, die das Auditing empfängt. Solo-Auditing wird allerdings nur unter der Leitung einer Fortgeschrittenen Organisation oder der Flag Service Organization durchgeführt, wo die schriftlichen Aufzeichnungen der Auditing-Sitzungen regelmäßig von Fallüberwachern überprüft werden, um sicherzugehen, dass das Auditing in Übereinstimmung mit den maßgeblichen Schriften stattfindet und dass die erwarteten spirituellen Gewinne erzielt werden. Wenngleich sowohl das Auditing als auch die Ausbildung eher individuelle als Gruppendisziplinen der Andacht in Scientology darstellen, so ist dies doch keineswegs ungewöhnlicher als ein Buddhist, der sich in einem buddhistischen Zentrum unter Anleitung eines spirituellen Meisters in der Meditation übt, oder der rabbinische Student, der in einer Talmudschule unter einem Talmudgelehrten die Thora studiert.

In jedem Fall spielt bei den Anlässen der Andachtshandlung – ob diese privat oder öffentlich, alleine oder gemeinschaftlich stattfindet – das Zentrum der religiösen Verehrung in jeder Religion eine unerlässliche Rolle. Diese Stätten haben unterschiedliche Namen und unterschiedliche Architekturen. Kirche, Synagoge, Moschee, Tempel, Aschram, Schrein – sie alle haben ihr ganz eigenes Aussehen und vermitteln ihr ganz eigenes Gefühl. Ihre religiösen Zielsetzungen und Funktionen sind sich jedoch sehr ähnlich. Diese „Andachtsstätten“ bieten die heilige Umgebung, in der die jeweiligen „Gottesdienste“ einer jeden Religion regelmäßig durchgeführt werden. Wie in jeder Religion haben auch die Scientology Kirchen ihr eigenes, unverkennbares Ambiente. Sie sind aber die Zentren sowohl der privaten als auch der öffentlichen Andachtspraktiken.

IV.IV. Schlussfolgerung

Aufgrund meiner beruflichen Ausbildung und der oben zusammengefassten Lehrstudien bin ich davon überzeugt, dass die Scientology eine Gemeinschaft mit Andachtspraktiken ist. Wie es bei einer neuen Religion angebracht ist, sind die Formen der Andacht bei der Scientology Kirche unverwechselbar, gemäß ihrem unverwechselbaren Verständnis der göttlichen und menschlichen Wirklichkeit. Aber, ähnlich wie bei anderen religiösen Traditionen, bezwecken die Andachtspraktiken der Scientology Kirche eine Vertiefung des spirituellen Bewusstseins und die Entwicklung der geistigen Fähigkeiten des Einzelnen, der Familie, der Gemeinde und letztendlich der Welt.

Lonnie D. Kliever
26. September 1994

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