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VII. Soziale Veränderung und religiöse Reaktionen

Es ist ein generelles Merkmal etablierter Religionen, hervorzuheben, wie althergebracht sie sind. Diese Behauptung ist aufs Innigste mit dem Glauben assoziiert, dass es unvergängliche, ewige Wahrheiten gebe; und mit der vagen, aber mächtigen Vorstellung, dass authentische Weisheit aus einer nicht näher spezifizierten uranfänglichen Vergangenheit komme. Gleichzeitig gibt es in vielen Bereichen des sozialen Lebens ein weitverbreitetes Bewusstsein über die Unerbittlichkeit der unaufhaltsamen Veränderung. Wenn das ökonomische und industrielle Gefüge eine so rapide und wahrnehmbare Veränderung durchmacht, wenn die gesellschaftliche Struktur einen konstanten Prozess der Neuanpassung aufweist, wenn die großen gesellschaftlichen Institutionen – das politische System, das Gesetzwesen, Ausbildung, Freizeit und sogar die Familie – alle sowohl fortwährenden unbewussten Anpassungsprozessen wie auch Programmen bewusster Reform unterliegen, dann wäre es merkwürdig, wenn religiöse Ideen und Organisationen nicht ähnliche Prozesse der Veränderung und Innovation durchliefen. Das tun sie auch, ungeachtet des Bonus für Althergebrachtheit und Tradition. Und doch ist die These, dass Religion sein sollte – wie die Liturgie es ausdrückt –, „wie sie am Anfang war, jetzt ist und für immer sein wird“, so tief verankert, dass die Repräsentanten anderer sozialer Institutionen sich schwer damit tun, sich mit der Idee neuer Religionen oder mit den innovativen Methoden, die diese Religionen fördern, abzufinden. Juristen arbeiten mit überholten Definitionen, die in der Rechtsprechung aufgrund von Präzedenzfällen in der fernen Vergangenheit entwickelt wurden, so dass selbst die juristische Konzeption dessen, was eine Religion ausmacht, verwirrt und überholt ist. Politiker, die sensibel gegenüber öffentlicher Beunruhigung sind, wenn aus irgendeinem Grunde neue Religionen in den Massenmedien attackiert werden, beschwören nur zu gern konventionelle und etablierte Annahmen über die Natur von Religion. Journalisten spielen mit diesen weit verbreiteten traditionellen Konzeptionen, wenn von Zeit zu Zeit religiöse Themen zum Gegenstand eines breiteren öffentlichen Interesses erhoben werden. Das religiöse Establishment selbst betrachtet jegliche innovativen Entwicklungen, die sich außerhalb der Grenzen der Kirchen vollziehen, im Allgemeinen mit Argwohn – ungeachtet eigener Bemühungen, sein eigenes religiöses Auftreten auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. In einer sich schnell verändernden Welt, in der die sozialen Institutionen alle im Wandel begriffen sind, wird einzig der Religion eine kontinuierliche und theoretisch unveränderliche Rolle, Funktion und Form zugeschrieben.

Dennoch ist nicht zu leugnen, dass eine beträchtliche Anzahl von Menschen neue Formen der Religionsausübung und neue Konzeptionen religiöser Wahrheit suchen und finden, wobei sie neue Wege spiritueller Suche gehen und sich an neuartigen religiösen Organisationsformen beteiligen.

Dennoch ist nicht zu leugnen, dass eine beträchtliche Anzahl von Menschen neue Formen der Religionsausübung und neue Konzeptionen religiöser Wahrheit suchen und finden, wobei sie neue Wege spiritueller Suche gehen und sich an neuartigen religiösen Organisationsformen beteiligen. Obwohl viele der Hauptakteure, die Einfluss haben und die öffentliche Meinung formen, noch immer eng mit dem althergebrachten Stereotyp von Religion verbunden sind, ist der Widerstand gegen neue religiöse Bewegungen – der im Wesentlichen wegen ihrer Neuheit existiert –, gleichbedeutend mit Widerstand gegen den Prozess der sozialen und religiösen Evolution selbst.

Bryan Ronald Wilson
2. August 1995
Oxford, England

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