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XIX. Vielfalt unter Religionen: Polytheismus

Aus den vorangegangenen Beispielen religiöser Glaubenssysteme wird offensichtlich, dass der Glaube an ein höchstes Wesen ein unzureichendes Kriterium für Religion ist. Ungeachtet der zögerlichen, überholten Voreingenommenheit mancher christlicher Kommentatoren würde dieser Punkt generell unmittelbar von vergleichenden Religionswissenschaftlern und Religionssoziologen gebilligt werden. Der Status einer Religion würde dem Buddhismus, Jainismus oder Hinduismus nicht verweigert werden, ungeachtet der Abwesenheit eines jeglichen Begriffs eines höchsten Wesens oder Schöpfergottes. Wenn diese Beispiele pantheistischer und atheistischer, jedoch nichtsdestoweniger unbestreitbar religiöser Glaubenssysteme einen Gegensatz zu christlichen Vorstellungen darüber darstellen, wie eine Religion aussehen sollte, so gilt das ebenfalls für polytheistische Glaubensinhalte, auch wenn es etwas schwieriger ist, diese in organisierter oder in sich geschlossener Form darzustellen. Der Taoismus, der jetzt in den Lehrbüchern vergleichender Religion allgemein als Religion angesehen wird, bietet einen solchen Fall. Im Gegensatz zu Offenbarungsreligionen stützt sich der Taoismus auf Naturverehrung, Mystizismus, Fatalismus, politische Passivität, Zauberei und Ahnenverehrung. Über Jahrhunderte hinweg war er offiziell in China als organisierte Religion anerkannt, mit Tempeln, Andacht und Geistlichen. Er enthielt Vorstellungen von übernatürlichen Wesen, einschließlich des Jadekaisers, Laotse, Ling Po (Marschall übernatürlicher Wesen) und der acht Unsterblichen des chinesischen Volkstums, des Stadtgotts, des Gottes des Herzens und anderen, zusammen mit zahllosen Geistern. Beim Taoismus fehlen jedoch ein höchster Schöpfer, ein Erlösergott der christlichen Art und eine gegliederte Theologie und Kosmologie. Der Taoismus illustriert die Tatsache, dass Religionen nicht voll entwickelt als Systeme des Glaubens, des Brauchs und der Organisation entstehen. Sie durchlaufen Entwicklungsprozesse in all diesen Aspekten und manchmal führt es dazu, dass sie Elemente annehmen, die völlig von früheren Auffassungen abweichen. Anlagerungen von Mythos und Ritual sowie Veränderungen hinsichtlich der Organisation sind in der Geschichte der Religion normal gewesen, und manche dieser neuen Elemente sind zuweilen nur teilweise aufgenommen worden und werden keineswegs immer miteinander vereinbar gemacht.

XIXa. Vielfalt unter Religionen: Ein modernes Beispiel
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