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XXII. Theologische Meinungen und religiöser Glaube

Wenn Toleranz gegenüber unterschiedlichen Religionen gewachsen ist, gibt es einen Faktor, der es wahrscheinlich nebenbei schwierig gemacht hat, Intoleranz gegenüber anderen aufrechtzuerhalten, und das ist die wachsende Unterschiedlichkeit zwischen den Glaubensvorstellungen von Theologen und jenen von einigen engagierteren Laien der nominal selben religiösen Glaubensrichtung. Ein Teil der Laien bekräftigt weiterhin die wortwörtliche Inspiration der Schriften, während andere sich weniger sicher über die verbale Inspiration fühlen, aber nichtsdestoweniger an die Glaubwürdigkeit dessen glauben, was die Schriften ihrem eigenen Verständnis nach übermitteln. Die Geistlichen weisen heute ebenfalls oft zentrale Lehren des Glaubens zurück, wenngleich sie oft weniger weit von den gewöhnlichen Laien-Gläubigen entfernt sind als die akademischen und professionellen Theologen. Über die vergangenen paar Jahrzehnte hat es anglikanische [d. h. episkopalische] Bischöfe gegeben, die offen solchen grundlegenden Punkten des christlichen Glaubens wie der Jungfrauengeburt, der Wiederauferstehung von Jesus und dem zweiten Kommen widersprechen. Manche Laien innerhalb derselben Konfession sind zutiefst bestürzt und schockiert gewesen. Theologen sind noch weiter gegangen; manche von ihnen bestreiten die Existenz eines höchsten Wesens der Art, wie es traditionell von der christlichen Kirche anerkannt wird. Dieser Meinungstrend wurde von einigen der am meisten gefeierten und ausgezeichneten modernen Theologen speziell zur Diskussion gestellt, er wird in den Werken von Dietrich Bonhoeffer und Paul Tillich angetroffen, aber er kann auch besonders leicht in seiner populärsten und einflussreichsten Äußerung von J. A. T. Robinson, Bischof von Woolwich, dargestellt werden. Im Jahre 1963 fasste der Bischof diesen Trend im christlichen Glauben in seinem Bestseller Ehrlich zu Gott (Gott ist anders) zusammen. Der Bischof führte Argumente dafür an, die Vorstellung von Gott als ein persönliches Wesen, das „da draußen“ existiert, aufzugeben, und stellte die ganze Idee des „Christlichen Theismus“ infrage. Er zitierte Bonhoeffer:

„Der Mensch hat gelernt, in allen wichtigen Fragen mit sich selbst fertig zu werden, ohne die Zuhilfenahme der ‚Arbeitshypothese: Gott‘. Bei Fragen bezüglich Wissenschaft, Kunst und sogar Ethik ist dies eine selbstverständliche Sache geworden, die man schwerlich zu kippen wagt. Aber etwa während der letzten hundert Jahre ist es auch für religiöse Fragen zunehmend wahr gewesen: Es wird offensichtlich, dass alles ohne ‚Gott‘ zurechtkommt, genauso wie zuvor.“ [S. 36]

Von Tillich zitierte der Bischof das Folgende:

„Der Name dieser unendlichen Tiefe und dieses unerschöpflichen Grundes alles Seins ist ‚Gott‘. Wer um die Tiefe weiß, der weiß um Gott. Und wenn das Wort für Euch nicht viel Bedeutung besitzt, so sprecht von der Tiefe in Eurem Leben, vom Ursprung Eures Seins, von dem, was Euch unbedingt angeht, von dem, was Ihr ohne irgendeinen Vorbehalt ernst nehmt ... Wer um die Tiefe weiß, der weiß auch um Gott.“ [S. 22]

Für sich selbst sagt der Bischof:

„... wie er [Tillich] sagt, hat der Theismus, wie er gewöhnlich verstanden wird, ‚Gott zu einer himmlischen, völlig perfekten Person gemacht, die über die Welt und die Menschheit präsidiert‘“ [S. 39] „... Ich bin überzeugt, dass Tillich Recht hat, wenn er sagt, dass der Protest des Atheismus gegen solch eine höchste Person richtig ist.“ [S. 41]

„Wir sind letztendlich nicht besser dazu in der Lage, den Menschen von der Existenz eines Gottes ‚da draußen‘ zu überzeugen, bei dem sie vorbeischauen müssen, um ihre Leben zu bestellen, als sie zu überzeugen, die Götter des Olymp ernst zu nehmen.“ [S.43]; „zu sagen, dass ‚Gott persönlich ist‘, heißt zu sagen, dass Persönlichkeit von ultimativer Bedeutung in der Grundordnung des Universums ist, dass wir in persönlichen Beziehungen die letzte Bedeutung des Daseins wie nirgendwo anders berühren.“ [S. 48–49]

Zwischen Realität und Existenz unterscheidend, wie Theologen es tun, behauptete der Bischof, dass Gott letztendlich real sei, er aber nicht existiere, denn um zu existieren, müsste er endlich in Zeit und Raum und somit Bestandteil des Universums sein.

Wenn der Gedanke eines höchsten Wesens in Frage gestellt wurde, dann galt das auch für das traditionelle Verständnis von Jesus. Eine Neuinterpretation des Neuen Testaments und der Person Jesus ist im Denken theologischer Kreise des fortgeschrittenen 20. Jahrhunderts ebenfalls im Gange gewesen. Im Jahre 1906 hat Albert Schweitzer das Werk Geschichte der Leben-Jesu-Forschung veröffentlicht, in dem er Jesus als jüdischen Propheten mit gewissermaßen unangebrachten Vorstellungen und in starkem Maße als ein Geschöpf seiner Zeit beschrieb. Eine radikalere und kritischere „Entmythologisierung“ wurde von Rudolf Bultmann vorgenommen, der in den frühen 1940er-Jahren zeigte, wie vollkommen die Evangelien den Mythen unterlagen, die zu der Zeit, als sie geschrieben wurden, vorherrschten. Er bemühte sich zu demonstrieren, wie wenige der Vorstellungen, die in den Evangelien verwendet wurden, von einem Menschen des 20. Jahrhunderts akzeptiert werden können. Die Botschaft für die Menschheit des Neuen Testaments sah er in starkem Maße in den Begriffen der deutschen existenzialistischen Philosophie: Das Christentum wurde zur Richtschnur für das moralische Leben des Einzelnen, aber er sah es als Lehrgebäude über Gottes Schöpfung und dessen Herrschaft über die Welt nicht mehr als glaubwürdig an. Bultmanns Werk ließ neue Zweifel gegenüber der traditionellen Behauptung, dass Jesus der leibhaftige Gott sei, laut werden, und somit warf er Zweifel gegenüber der gesamten christologischen Lehre der Kirche auf. Dieser historische Relativismus fand weiteren Ausdruck in einem Werk mit dem Titel The Myth of God Incarnate (Der Mythos vom Mensch gewordenen Gott) (herausgegeben von John Hick), veröffentlicht im Jahre 1977, in welchem eine Reihe der bedeutendsten anglikanischen Theologen die orthodoxe traditionelle christliche Glaubenslehre, die beim Konzil von Chalcedon [451 n. Chr.] bezüglich der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen Jesus festgelegt wurde, bestritten. Moderne Theologen fanden es schwierig zu glauben, dass Gott auf die Weise zum Menschen geworden sei, wie es in den vergangenen fünfzehn Jahrhunderten gelehrt wurde.

Diese diversen Ströme theologischer Debatte – die in Erwägung gezogene Ablehnung der Vorstellung eines persönlichen Gottes; der Verzicht auf Theismus; die neue Betonung auf dem Relativismus der Bibel und die Infragestellung akzeptierter Vorstellungen der Eigenschaft von Christus und seine Beziehung zu Gott – all das läuft auf eine heftige Abweichung von dem allgemein akzeptierten Verständnis des Christentums und des Glaubens der meisten Laien-Gläubigen hinaus. Auf diese Weise haben Meinungen bezüglich der Eigenschaft der Religion, die selbst aus christlichen Quellen herausdringen, nun die vorbehaltlos christlichen Kriterien, nach denen Religion bislang definiert worden ist, hinterfragt.

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