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XXIII. Religion und sozialer Wandel

Angesichts des erhöhten Drucks für einen Wandel in der modernen Gesellschaft wäre es überraschend, wenn sich eine große soziale Institution als immun gegen die Folgen des Prozesses erwiesen hätte. Obwohl die Religion fest in der freiwilligen Sphäre sozialer Aktivitäten verwurzelt ist, hat sie gewiss reagiert und tritt in zunehmend unterschiedlichen Formen und mit sich verändernden Hauptbeschäftigungen in Erscheinung. Da die allgemeine Bevölkerung der westlichen Welt gebildeter geworden ist, haben moderne Religionen die Tendenz gehabt, weniger die konkreten Aspekte der wortwörtlichen historischen Vorfälle der Religionsgeschichte zu betonen, und wenn sich überhaupt auf sie berufen wurde, dann wurde es in Form von poetischen oder symbolischen Metaphern getan. Selbst innerhalb der regulären christlichen Traditionen wurde weniger Betonung auf die Lehren bezüglich Gott, Schöpfung, Sünde, Fleischwerdung, Erlösung oder Verdammnis gelegt, und eine größere Betonung auf eine Vielfalt unterschiedlicher Belange. Auf praktischer Ebene, und speziell in den großen christlichen Konfessionen, sind diese Angelegenheiten in der zunehmenden Seelsorge verankert, welche sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte und jetzt in vielen neuen Formen der spezialisierten seelsorgerischen Tätigkeit zu Tage tritt. Industrielle Seelsorge (einschließlich der fehlgeschlagenen Arbeiter-Priester-Bewegung); Seelsorge in Krankenhäusern und Gefängnissen; spezialisierte Eheberatung; christliche Therapie und Heilung; Rehabilitierung bei Drogen- und Alkoholabhängigkeit; sexuelle Probleme und Einstellungen zur Arbeit sind alles Alltagsanzeichen für die diversen praktischen Belange, die heutzutage religiöse und spirituelle Bestrebungen anregen. Auf theoretischerer Ebene sind sie durch erneute Ermutigung zu einer Ethik persönlicher Verantwortung ergänzt worden; Interesse an sozialer Gerechtigkeit; die Suche nach persönlicher Erfüllung und Stärkung; und die Anwendung von Religion als Quelle positiven Denkens.

Diese neuen Orientierungen haben Ausdruck sowohl in orthodoxen als auch andersdenkenden Ausdrücken innerhalb des Christentums gefunden. Gleichzeitig verbreiteten sich in der westlichen Gesellschaft nicht nur einige der großen Religionen des Orients, die zum großen Teil anfangs von Einwanderern hereingetragen wurden, sondern auch Bewegungen, die aus jenen Religionen abgeleitet sind. Manche von ihnen wurden in Form und Ausdruck speziell modifiziert, um bei einer westlichen Anhängerschaft Anklang zu finden. Zusätzlich zu diesen gibt es Bewegungen, die auf das vorgeblich antike Heidentum zurückgreifen; andere, die sich auf einen eklektischen Bereich mystischer Traditionen als die Inspirationsquellen, auf die sie zurückgreifen, berufen. Wieder andere Bewegungen streben danach, den Brauch okkulter Künste neu zu beleben und zu verbreiten. Zu all dieser Vielfalt müssen neue Religionen hinzugezählt werden, die etwas mit der wissenschaftlichen Orientierung der gegenwärtigen Gesellschaft gemeinsam haben und die ihre Wissenschaft zu Zwecken verwenden, die nur als spirituell beschrieben werden können. Im Hintergrund sind außerdem jene traditionelleren christlichen Sekten, von denen manche einmal Besorgtheit unter orthodoxen Christen und zuweilen die Feindseligkeit der Obrigkeit weckten, welche jedoch heute zunehmend, und notwendigerweise, als Teil des religiösen Mosaiks der gegenwärtigen Gesellschaft toleriert und akzeptiert werden. Dass sie nicht mehr so stark im Mittelpunkt von Aufmerksamkeit oder Besorgtheit stehen, spiegelt die Tatsache wider, dass sie im Kontext mit der religiösen Vielfalt der Gegenwart nicht mehr als so fremd oder als abweichend erscheinen, wie das vormals der Fall war.

XXIV. Traditionelle Sekten
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